Aktualisierungsdatum: 03 Juni, 2006.
Aufzucht von Schmetterlingen
Für einen richtigen Entomologen gehört es zur Pflichtübung, auch die Aufzucht von Insekten zu beherrschen. Dies ist oft ein sehr schwieriges Unterfangen, denn die Lebensbedingungen der Tiere müssen vom Sammler exakt beachtet werden. Falsche Behandlung, falsches Futter oder unpassende Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden von den meisten Insekten in ihren Jugendstadien zumeist mit ihrem Eingehen honoriert. Natürlich gibt es auch pflegeleichte Fälle.
Als grobe Richtlinie kann man annehmen, dass die Raupen je nach Schmetterlingsart an eine Pflanzenart gebunden ist. Dies trifft besonders auf Tagfalter zu. So frisst z.B. die Raupe des Segelfalters (Iphiclides podalirius) Schlehdornblätter. Manchmal allerdings findet man sie auch auf Pflaumenblättern. Schlehdorn und Pflaume gehören zur Pflanzengattung "Prunus". Das bedeutet jedoch nicht, dass eine auf Schlehdorn gefundene Raupe jederzeit auch mit Pflaumenblättern gefüttert werden kann. Sie würde womöglich nur wenig fressen und vielleicht sogar eingehen.
Trinken brauchen Schmetterlingsraupen nicht, ihren Flüssigkeitsbedarf decken sie zur Gänze mit der in der Futterpflanze enthaltenen Feuchtigkeit.
Bei Nachtfaltern kann man unter Umständen mehrere Arten einer bestimmten Pflanzenfamilie an die Raupe einer Art verfüttern. Vor allem Bärenspinner sind nicht sehr wählerisch, manche von ihnen können mit einer Vielzahl von Pflanzen gefüttert werden, welche sich durchaus aus verschiedenen Arten zusammensetzen. Dennoch wird nicht jede Raupe der gleichen Art auch den gleichen "Geschmack" entwickeln. So kann man die Raupe des Braunen Bären (Arctia caja) z.B. mit Löwenzahn, Hahnenfuss, Nussbaumblätter, Breitwegerich etc. gefüttert werden. Es empfiehlt sich, bei einer Raupe deren Futterpflanze unbekannt ist, immer die ganze Palette an möglichen Pflanzen anzubieten und zu beobachten, welche davon bevorzugt wird.
In der Fotogalerie dieser Website ist den meisten Faltern eine Beschreibung angeschlossen, in welcher der Lebenszyklus, die Futterpflanze und das Habitat so genau wie möglich dokumentiert ist. Diese Beschreibung kann auch als Zuchtanleitung dienen. Wer sich intensiv mit der Schmetterlingszucht befassen will, wird im "Handbuch der Schmetterlingszucht" von Ekkehard Friedrich (Kosmos Handbuch, ISBN 3-440-05143-9) wertvolle Informationen finden. Doch kein Buch ist perfekt und besonders beim Thema "Futterpflanzen" und Verlauf der frühen Stadien sind sich oft selbst die Experten nicht einig. Sehr oft schon fand ich Raupen auf gänzlich anderen Pflanzen als ihnen in der Fachliteratur zugeordnet wurden. Daher ist bei der Schmetterlingszucht blindes Vertrauen in Zuchtanleitungen nicht angebracht, hingegen führen Bereitschaft zum Experiment, geduldige Naturbeobachtung und gesunder Hausverstand eher zum Ziel.
1) Ein herkömmlicher Raupenzuchtkasten 2) provisorischer Behälter für kleine Raupen aus einer Eisdose

Hier das Beispiel eines Raupenzuchtkastens. Er sollte hoch genug konstruiert sein, um darin in Vasen oder Flaschen das Raupenfutter einwässern zu können. Achtung: Die Öffnung der Vasen oder Flaschen muss gut verschlossen werden, da die Raupen ansonsten hineinfallen und ertrinken. Solange die Raupen noch klein sind, sollte auch der Behälter klein sein. Ich verwende für die Zucht von Jungraupen bis zur Größe von etwa 4cm dichtschließende Kunststoffbehälter, wie sie zur Aufbewahrung von Speisen im Gefrierschrank verwendet werden. Diese Behälter sind in verschiedenen Größen erhältlich. Um die Bildung von Kondenswasser in den Dosen zu vermeiden, schneide ich in den Deckel ein Loch im Durchmesser von ca. 1/5 der Deckeldiagonale. Dieses Loch verklebe ich mittels Heißklebepistole mit sehr engmaschiger Gaze, dass selbst kleinste Räupchen nicht durchschlüpfen können. Auf diese Weise bleibt genügend Luftfeuchtigkeit im Behälter, welche den Raupen guttut und ein zu rasches Austrocknen des Futters verhindert. Der Boden des Behälters sollte zweckmäßigerweise mit Toilettpapier oder Küchenrolle ausgelegt werden, damit der Raupenkot nicht zu schimmeln beginnt und der Behälter leichter zu reinigen ist. Sollte sich herausstellen, dass die Luftfeuchtigkeit im Behälter zu niedrig oder zu hoch ist, muss die Größe der Belüftungsöffnungen variiert werden. Zu große Öffnungen können zusätzlich mit einem Stück Küchenrolle überklebt werden, das Papier verhindert ebenfalls zu rasche Austrocknung.
Die Größe des Behälters sollte stets der Größe der Raupen entsprechen, es muss genügend Raum vorhanden sein um jeder Raupe einen Platz auf einem Zweig oder Futterbüschel zu gewährleisten. Jedoch darf der Behälter auch nicht zuviel von der Futterpflanze enthalten, sonst wird die Feuchtigkeit zu hoch und das Futter beginnt zu faulen oder zu schimmeln. Weiters ist es schwierig, die Raupen eines vollgestopften Behälters umzusetzen. Besonders bei kleinen Räupchen passiert es leicht, dass einzelne Tiere zusammen mit dem alten Futter entsorgt werden.
Die Raupenbehälter sollten am besten täglich kontrolliert werden, das Futter muss erneuert werden sobald es zu welken bzw. anzutrocknen beginnt. (Nie sollte regennasses, verunreinigtes oder mit Blattläusen besiedeltes Futter verabreicht werden.) Zu diesem Zweck braucht man einen identen Behälter, in welchen die Raupen umgesetzt werden. Falls die Raupen fest auf dem alten Futter sitzen, sollten sie nicht gewaltsam heruntergenommen werden. Sie könnten dadurch verletzt werden. Am besten belässt man sie auf dem Stück Futter, worauf sie gerade sitzen und schneidet den Rest mit der Gartenschere weg. Raupen, welche an Wand oder Deckel des Behälters festsitzen, sollten ebenfalls dort belassen werden. Sie könnten sich gerade auf die Häutung vorbereiten, wobei sie nicht gestört werden dürfen. Kranke Raupen müssen sogleich entfernt werden (zu erkennen am Perlschnurkot, nässende Ausscheidungen welche durch gelbbraune Flecken an der saugenden Papiereinlage ersichtlich sind, oder wenn das Tier schlaff auf den Futter oder am Boden liegt), der Behälter ist sodann gründlich zu reinigen, mit heissem Wasser auszuspülen und mit neuer Papiereinlage sowie frischem Futter zu versehen.
Krankheiten und sonstige Entwicklungsstörungen: Es kann vorkommen, dass ein Züchter einzelne Tieren oder im schlimmsten Fall seinen ganzen Zuchtstock durch diverse Erkrankungen der Raupen verliert. Der häufigste Fall ist, dass der Kot der Tiere zu faulen oder schimmeln beginnt. Raupen, welche bei der Nahrungssuche darüberkriechen, infizieren sich mit Bakterien und Pilzen. Nur äußerst selten erholen sich erkrankte Raupen wieder, meistens sterben sie noch am gleichen Tag. Eine recht heikle Angelegenheit ist der Häutungsprozess. Da sich die Chitinhaut der Raupe nur begrenzt ausdehnen kann, wächst unter der alten Haut eine neue heran. Sobald die alte Haut ihre Elastizität bis zu einem gewissen Maß eingebüßt hat, platzt sie am Nacken der Raupe und reißt am Rücken entlang bis zum After auf. Wenn der Zeitpunkt der Häutung gekommen ist, sucht die Raupe eine ruhige Ecke auf und klebt sich mit Hilfe ihrer Spinndrüsen an der Unterlage fest, dass sie einen guten Halt hat und während der Häutung nicht zu Boden fällt. Durch ruckartige Bewegungen führt die Raupe eine Überdehnung der alten Haut herbei, woraufhin sich diese abstreifen lässt. Der schwierigste Teil der Häutung ist das Lösen der Haut am Kopf. Beim ganzen Häutungsvorgang ist die Raupe gänzlich wehrlos, wird sie durch andere Tiere gestört oder durch Schlechtwetter beunruhigt, nimmt sie leicht Schaden und stirbt. Wenn die Raupe zu lange in der alten Haut stecken bleibt, vertrocknet oder verfault sie, je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Keinesfalls darf man der Raupe bei der Häutung zu helfen versuchen. Allenfalls können nach erfolgter Häutung verbliebene Hautfetzchen mit einer feinen Pinzette sachte entfernt werden.
Manche Raupen leben gesellig, manche solitär. Am besten achtet man darauf, dass nicht zuviele Raupen im gleichen Behälter untergebracht werden, bei gesellig lebenden Raupen können je nach Größe des Behälters 10 - 20 Stück gehalten werden, solitär lebende Raupen kann man in Mengen von 3 - 5 Stück zusammen halten. Als Regel mag gelten: wenn Eier einzeln abgelegt werden, soll auch die Raupe solitär gehalten werden.
Wenn die Raupen erwachsen werden, muss Vorsorge für deren Verpuppung getroffen werden. Viele Tagfalter verpuppen sich als Stürzpuppe einfach am Deckel des Behälters, die Wände müssen daher rauh genug bzw. so ausgekleidet sein, dass die Raupen daran hochklettern können. Andere benötigen kleine Zweige und Stengel, woran sich sich als Gürtelpuppe festmachen können. Schwärmer- u. Eulenraupen verpuppen sich in lockerer Erde, welche je nach Art bis zu 20cm tief sein soll. Gabelschwanzraupen wiederum benötigen Baumrinde, woraus sie sich eine Hülle formen. Bären, Spinner u. Spanner verpuppen sich meist in einem lockeren Gespinst am Boden. Wenn der Zeitpunkt der Verpuppung naht, hören die Raupen mit dem Fressen auf und laufen unruhig umher, manche Raupen verfärben sich auch. Dann soll man sie am besten in einen Einzelbehälter umsetzen und je nach Art der Verpuppung den Kasten oder Behälter entsprechend ausstatten.
Sobald die Puppe fest geworden ist, kann sie in einen speziellen Puppenkasten umgesetzt werden. (Vorsicht - manche Schwärmerraupen benötigen noch wochenlang bis zur vollständigen Verpuppung, wenn sie sich eingegraben haben!) Dieser Behälter muss wasserdicht und am Boden mit feinem lockerem Torf befüllt sein, er muss eine ausreichend große Gazeöffnung zwecks Belüftung und Sichtkontrolle haben und soll rauhe Wände aufweisen, an denen die Falter nach dem Schlüpfen hochklettern können. Der Torf muss etwa zweimal wöchentlich mit Wasser (Sprühflasche) befeuchtet werden. Wenn Puppen den Winter überliegen, kann man den Puppenkasten in einem frostfreien ungeheizten Raum stellen, jedoch darf nicht auf das Anfeuchten vergessen werden. Besonders bei Nachtfalterpuppen kommt es oft vor, dass diese mehrere Jahre überliegen bevor sie schlüpfen. Da heißt es, sich in Geduld fassen und das regelmäßige Anfeuchten nicht vergessen. Mir ist einmal ein Grauer Mönch (Cucullia umbratica) erst nach 6 Jahren geschlüpft, als ich schon längst nicht mehr daran dachte! Vereinzelt kommt es auch bei Tagfaltern vor, dass sie überliegen. So haben bei mir z.B. Aurorafalterpuppen zwei Winter überdauert, bis sie geschlüpft sind.
Die Überwinterung von Raupen ist ein eigenes Kapitel. Besonders bei den Nachtfaltern schlüpfen oft die Raupen im Spätsommer oder Herbst und überwintern, um dann im Frühling ihr Wachstum zu vollenden. In der Natur ist dies anscheinend kein Problem - die Raupen fallen in eine Kältestarre, in Wärmeperioden finden sie immer etwas Fressbares in Bodennähe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich bei der Aufzucht solcher Raupen besser an die Nachahmung von Wärmeperioden hält. Überwinternde Raupen sind meistens polyphag, ansonsten würden sie ja in der freien Natur auch nicht überleben. Es genügt, die Raupen frostfrei und hell in einem Kunststoffbehälter zu halten (siehe oben). In meinem Fall hielt ich die Raupen in einem schwach geheizten Zimmer am Fensterbrett, als Nahrung gibt es bis in den Dezember hinein oft noch die richtige Futterpflanze. Sobald der Frost jedoch die empfindlicheren Pflanzen zerstört hat, bieten sich wilde Brombeere, Liguster oder Efeu an. Diese bleiben den ganzen Winter lang grün und lassen sich in Kühlschrank mindestens eine Woche lang frisch halten. Ich wechsle zweimal wöchentlich das Futter und bringe so die Räupchen beinahe verlustfrei über den Winter.
Ein Ärgernis für den Entomologen sind die immer wieder Misserfolgen bei der Aufzucht von Schmetterlingen verursachenden Parasiten. In aller Regel legen die Parasiten (Raupenfliegen, Schlupfwespen etc.) mit Hilfe eines Legestachels ihre Eier in die Raupen, sobald diese groß genug sind ( etwa 2cm). Die Gefahr, solche befallenen Raupen nach Hause zu tragen ist umso größer, je älter die Raupen sind. Bei verpuppungsreifen Raupen kann die Ausfallsquote mitunter 99 % betragen. Der Profi ärgert sich über die Parasiten meistens nicht so sehr, sondern studiert diese und sammelt sie ebenfalls.