Evolutionsbiologie:
Hörner sind kein Luxusgut
(Die Presse) 15.11.2006
Auch Mistkäfer bringen ein Dogma ins Wanken: Ihr "sekundäres Geschlechtsmerkmal"
ist keines. Auch junge Weibchen haben es.
Bei vielen Arten schleppen die Männchen weithin sichtbaren Luxus mit sich herum,
ellenlange Federschwänze, meterbreite Geweihe oder Hörner, die fast so groß sind
wie der restliche Körper zusammen. Die gibt es etwa bei Mistkäfern, und die sind
zwar dem Laien weniger vertraut, werden aber von den Evolutionsbiologen seit
Jahrzehnten stark beforscht, sie sind nachgerade zur Ikone der Sexualwahl bzw.
der sexuellen Selektion geworden: Männchen, das weiß man seit Darwin,
investieren in den Überfluss, um sich vor Weibchen wichtig zu tun, ihnen zu
zeigen, wie gut ihre Gene sind, deshalb sehen sie so anders aus, man nennt das
"sexuellen Dimorphismus".
Und man muss sich die einzelnen Mistkäferarten nur anschauen, bei manchen haben
die Männchen gleich mehrere Hörner am Kopf, bei anderen auch am Hinterleib.
Einen besseren wandelnden Beweis für die sexuelle Evolution kann es nicht geben!
Aber nun kommt das Gebäude ins Wanken, Armin Moczek, Entomologe an der Indiana
University, hat genauer hingesehen: Alle bisherigen Studien der Mistkäfer -
Hunderte - haben sich mit ausgewachsenen Käfern befasst; Moczek hingegen hat auf
die Entwicklung der Larven geachtet. Bei ihnen ist alles ganz anders, bei ihnen
gibt es keinen sexuellen Dimorphismus: Auch die
heranreifenden Weibchen haben Hörner, sie bauen sie in ebensolcher Größe auf wie
die jungen Männchen, aber sie bauen sie im Zuge ihrer Entwicklung wieder ab.
"Das bringt ernste Zweifel an den Schlüssen, die man aus der Beschreibung und
Beobachtung von ausgewachsenen Mistkäfern gezogen hat", fasst Moczek zusammen
(American Naturalist, 12. 10.).
Aber wenn die Hörner nicht als "Luxus" für die Sexualwahl entwickelt werden,
wozu dann? Vermutlich brauchen die Larven die Hörner als Instrumente, um sich
bei einer Häutung aus der alten Hülle zu befreien: Käfer, bei denen man die
Hornentwicklung unterbindet, kommen mit dem Kopf nicht aus der alten Haut und
sterben.
Aber warum bauen nur die Weibchen die nach der Benutzung entbehrlich gewordene
Last wieder ab? Weil bei den Männchen später doch die sexuelle Signalfunktion
dazukommt, "dual use", vermutet Moczek.
Ein anderer Mistkäferspezialist bestätigt es, Douglas Emlen (University of
Montana): Er hat bei heranwachsenden Männchen die Bildung der Hörner
unterbunden, mit denen Nebenbuhler auch kämpfen bzw. die Höhlen verteidigen, die
sie mit einem Weibchen bewohnen. Wenn sie das nicht mehr können, haben sie die
erste Runde im Kampf um Reproduktion verloren. Umso mehr investieren sie in die
zweite. Sie vergrößern ihre Hoden, erhöhen ihre Chancen bei der "Sperma-Konkurrenz"
(Pnas, 103, S. 16346): Bei vielen Arten wird der Kampf zwischen Männchen auch
und vor allem im Körper der Weibchen ausgetragen, dort treten die Spermien der
Männchen so gegeneinander an wie zuvor die ganzen Körper.
jl